Heimtierhalter im Allgemeinen und Hundebesitzer im Besonderen gelten als tierlieb. Das ist zumindest die Meinung des überwiegenden Teils unserer Bevölkerung. Und da Tierliebe zu den positiven Eigenschaften des Menschen gerechnet wird, freut einen so was als Hundehalter. Ich selbst bin auch davon überzeugt, dass sich die meisten Hundebesitzer selbst als tierlieb sehen – obwohl Eigenlob keine Tugend ist. So scheinen sich fast alle einig. Ist das aber so? Wohl kaum.Wir leben eben nicht in einer Märchenwelt, wo alles klar geregelt und eingeteilt ist, wo man Gut und Böse klar auseinander halten kann. Schwarz-Weiß sind noch nicht einmal die Filme oder Fotografien, die wir so nennen, denn sie bestehen aus einer Vielzahl von Graustufen, die sich zwischen den beiden Polen befinden.
Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Hund, mit dem ich mir als junger Familienvater einen Kindheitstraum erfüllte: ein Temperamentsbündel und Laufwunder. Als er erwachsen war, habe ich ihn auf Besorgungen und kleinen Ausflügen immer am Fahrrad mitgenommen. Wenn der Drahtesel startklar gemacht wurde, rastete er schon aus und der erste halbe Kilometer waren die Hölle: für mich! Und wenn wir dann auf dem Feldweg angekommen waren und der Hund von der Leine kam, ging wieder die Post ab. Die raschen Tempowechsel hätten vielleicht Lance Armstrong nichts ausgemacht, aber von ihm und seinem spinning-style hatte ich damals noch nichts gehört. Kurz: der Hund hatte eine Menge Spaß und rückblickend würde ich sagen, dass unsere gemeinsamen Fahrradtouren eindeutig als tierlieb zu bezeichnen war. Die Sichtweisen können aber verschieden sein, wie ich rasch feststellen konnte. Denn nicht selten auf dem Hin- oder Rückweg durch den Ort (von der Größe her nicht mehr Dorf, aber auch keine richtige Stadt) musste ich mir die übelsten Beschimpfungen von Passanten anhören – Hundehalter und Nicht-Hundehalter waren sich wieder einmal einig; höflich ausgedrückt: ich war die Ausnahme unter den Heimtierhaltern: denn eindeutig nicht tierlieb! Im Gegenteil, ich hetzte auf übelste Art und Weise den Hund mit dem Fahrrad durch die Stadt: Tierquälerei!
Ein paar Jahre später lernte ich jemanden kennen, der nach einem Schlaganfall im Rollstuhl saß und auch sonst das Ereignis nicht ganz unbeschadet überstanden hatte. Vorher war der Mann das, was man eine große Nummer nennt. In seinem Beruf galt er als prominent, reiste durch die Weltgeschichte und brachte es bis zum Staatssekretär – dann war Schluss. Jetzt hatte er zwei Hunde. Die waren sein ein und alles und rangierten in der Sympathieskala nach meiner Auffassung eindeutig vor den übrigen Familienangehörigen. Wenn das keine Tierliebe ist, was dann? Natürlich waren Spaziergänge nicht drin. Wenn eine Körperhälfte so gut wie nicht mehr funktioniert, hilft auch der Rollstuhl wenig. Also zeigte er seinen Vierbeinern die Zuneigung anders. Liebe geht durch den Magen war sein Motto. So zählte Gänseleberpastete zur Grundnahrung auch der Hunde – nur die mit Trüffeln; ohne „verachteten“ die Hunde die angebotene Speisen. Und wenn einer seiner Lieblinge zu ihm ins Bett sprang, um dort die knöchernen Überreste einer Lammkeule oder einer Ente (beides hatte selbstverständlich der Hund vorher vollständig erhalten) unter seinem Kopfkissen zu verscharren, dann war das für ihn der größte Vertrauensbeweis, den sein Hund im geben konnte. Nun neigt jeder Hundehalter dazu, Anekdoten von seinem Liebling zum Besten zu geben – ich selbst bilde da keine Ausnahme – aber dieser Mann konnte stundenlang und ausschließlich von den Erlebnissen mit seinen beiden übergewichtigen Begleitern erzählen – sie wogen jeder doppelt so viel wie ein durchschnittlicher Vertreter der Rasse. Man merkte ihm an: er liebte seine Tiere, sie waren sein neuer Lebensinhalt und er war (wieder) glücklich. Ich selbst war bei meinen Besuchen regelmäßig hin und her gerissen. Denn für mich handelte es sich um eine mehr als bizarre Form der Tierliebe, die nach den Buchstaben des Gesetzes die Grenze zur Tierquälerei schon längst überschritten hatten – denn artgerecht wurde hier keiner der Beteiligten gehalten. Aber keiner der drei machte einen „gequälten“ Eindruck – im Gegenteil. Und freiwillig hätte keiner der beiden Hunde den Mann verlassen. Sie sind mit ihm alt geworden und einer hat ihn sogar überlebt. Und: wie würden Sie urteilen? Fest steht, der Mann liebte seine Hunde und die anderen Tiere, die er hielt – war er tierlieb?



